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  © Joachim Frank

On Time

Wunderbar war die Safari durch verschiedene Nationalparks von Tansania und Kenia gewesen. Jetzt wollten wir diese Eindrücke auf uns wirken lassen und gleichzeitig ein paar erholsame Tage genießen. Ich hatte mir schon in Deutschland die Karte angeschaut und die Entfernung zwischen unserem Ausgangspunkt, dem tansanischen Arusha, und Mombasa auf maximal dreihundertfünfzig Kilometer geschätzt. Kein zu weiter Weg, wie mir schien, um dort noch ein wenig am Meer zu entspannen, bevor es wieder zurück nach Hause und in den Alltag gehen würde. Ein komfortables Hotel in idealer Lage war bereits daheim gebucht worden und nur der Transport musste noch vor Ort geklärt werden. Das erwies sich zwar als gar nicht so einfach, aber schließlich hielten wir doch die entsprechenden Tickets für einen Überlandbus in den Händen.

Josef, der schon während der ganzen Safari unser Fahrer gewesen war, holte uns um zehn Uhr ab, und ich dachte noch bei mir, vielleicht liegen wir ja heute schon am späten Nachmittag am Strand von Mombasa und können ein erfrischendes Bad im Meer nehmen. Als wir den Busbahnhof von Arusha erreichten, klebten sofort Trauben junger Männer an unserem Pickup. Alle wollten sie irgendwelche Tickets verkaufen, aber zum Glück war das ja nicht mehr erforderlich. Natürlich wurde dennoch getrickst: Plötzlich mussten Extragebühren für das Gepäck berappt werden, obwohl uns versichert worden war, dass alles bereits im Fahrpreis enthalten sei. Um Ärger zu vermeiden – und welche Wahl hätten wir auch gehabt? –, löhnten wir zähneknirschend. Froh, dann endlich der doch recht aggressiven Stimmung entronnen zu sein, saßen wir erleichtert in einem Bus, der aus den fünfziger Jahren stammen mochte, und erreichten gegen Mittag das etwa fünfzig Kilometer entfernt liegende Moshi. Erst während der Fahrt wurde uns klar gemacht, dass es sich hier keineswegs um eine direkte Verbindung nach Mombasa handelte, sondern dass wir in Moshi umsteigen mussten. Dort herrschte ein ziemliches Gedränge und Durcheinander, es war dreckig und laut. Dafür gab es aber keinerlei erkennbare Schilder oder Hinweise auf bestimmte Linien oder Zielorte. Dennoch fand ich nach einigem Suchen und Fragen schließlich mit der Hilfe eines netten Einheimischen den vermutlichen Abfahrtspunkt für unsere Weiterfahrt. Ich wandte mich an einen Mann, der für die Organisation zuständig zu sein schien und in einem Verschlag saß. Der war zwar von allen möglichen und unmöglichen Kisten, Kartons und sonstigen Gepäckstücken, aber eine Scheibe trennte den Bediensteten von den übrigen Leuten, und außerdem konnte man an diversen Zetteln, Stempeln und Stempelkissen erkennen, dass es sich um eine Art von Büro handeln musste. Zunächst sah er mich nur erstaunt bis unwillig an, als ich nach vorbestellten Plätzen für den Bus nach Mombasa fragte. Doch zu meiner größten Verwunderung befanden sich unsere Namen tatsächlich auf einem zerknitterten Zettel in einem zerfledderten Buch, was so etwas wie eine Reservierung darstellte. Der Bedienstete sah mich gleichzeitig ungläubig und strahlend an, denn eine Erklärung für das Funktionieren unserer Reservierung konnte er sich wohl auch nicht geben. So langsam dämmerte mir aber, dass es mit dem Bad im Meer wohl nichts werden würde, denn die Weiterfahrt war erst für fünfzehn Uhr vorgesehen, und von Moshi bis Mombasa mochten es immerhin noch knapp dreihundert Kilometer sein. Wir nutzten die Zeit und aßen einigermaßen leidlich in einem alten Hotel sozialistischer Prägung zu Mittag. Als wir zurückkehrten, teilte man uns jedoch mit, dass die Fahrt auf sechzehn Uhr verschoben worden sei. Nach einer weiteren Stunde untätigen Wartens an diesem unerfreulichen Busbahnhof saßen wir dann aber endlich in einem uralten, klapprigen Bus, der jedem Museum für Transportwesen in Europa zur Ehre gereicht hätte. Der wurde bis unter das Dach mit Menschen, Gepäck wirklich jeder Art und sogar Hühnern so voll gestopft, bis kaum noch irgendeine Bewegung möglich war.

Zwar waren die Sitze unbequem, vergleichsweise hatten wir jedoch die wohl besten Plätze, nämlich ganz vorne mit der größten Beinfreiheit von allen Passagieren und einigermaßen genügend Sitzfläche für jeden von uns. Kurz nachdem sich der Bus in Bewegung gesetzt hatte, fragte ich den Fahrer, wann wir denn wohl Mombasa erreichen würden.

Two oclock“, war seine ebenso knappe wie präzise Antwort, mit der ich so gar nichts anfangen konnte. Wieso zwei Uhr? Was sollten wir denn bloß unterwegs mit all der Zeit anfangen? Vielleicht hatte ich mich auch nur verhört. Ich fragte also noch mal nach, aber er bestätigte nur: „Two oclock, yes.“

African time?“, fragte ich ironisch in Anspielung auf die hier üblicherweise sehr großzügige Interpretation von Zeitangaben.

No, no“, lachte er mich an: „Wait and see!

Der Bus machte einen Höllenlärm und wir bekamen bald zu spüren, wie hart ungepolsterte Sitze sein können, wenn ein Gefährt wie dieses über so gut wie keine Federung verfügt. Die Grenze zu Kenia wurde nach einer Fahrt auf einer von Schlaglöchern übersäten Schotterpiste um siebzehn Uhr dreißig erreicht, und schon eine gute halbe Stunde später waren erstaunlicherweise sämtliche Grenzformalitäten erledigt. Nun konnte es also weiter gehen – dachten wir jedenfalls. Aber schon kurz hinter der Grenze wurde eine Pause bis neunzehn Uhr dreißig eingelegt, für die ich keinen Grund erkennen konnte.

Auf dem trostlosen Marktflecken war so gar nichts anzufangen. Trotzdem vertraten wir uns ein wenig die Beine in der nun schnell hereinbrechenden Dunkelheit, in der die zerlumpt gekleideten Schwarzen nicht gerade einen Vertrauen erweckenden Eindruck machten und – so schien es mir jedenfalls – uns argwöhnisch beäugten. Behaglich war dieser Aufenthalt nicht.

Die nächste Etappe hatte es dann in sich. War das Fahren auf besagter Schotterpiste nur ein elendiges Geruckel gewesen, drehte unser Fahrer jetzt auf Asphalt so richtig auf. Nicht nur, dass man um das Zusammenhalten des Gefährts Sorge haben musste, nein, verdammt eng wurde es auf der sehr schmalen Straße jedes Mal, wenn uns andere Fahrzeuge – meistens hochgetürmt beladene Lastwagen – in der nun pechschwarzen Nacht entgegenkamen. Die privilegierten Plätze in der vordersten Reihe ließen uns hautnah miterleben, wie knapp die Sache trotz manch waghalsiger Ausweichmanöver oft war. Die Fahrer schienen es regelrecht auf eine Mutprobe anzulegen, wer denn wem zuerst ausweichen würde. Ein nervenaufreibendes Spiel, besonders für uns. Aber auch daran gewöhnt man sich irgendwie, und mit der Zeit stellt sich entweder eine fatalistische Haltung ein oder man gewinnt sogar Vertrauen in die Künste des Fahrers. Jedenfalls war es besser, irgendwann einfach die Augen zu schließen und anderen Gedanken nachzuhängen.

Meine Reiselektüre bestand unter anderem aus Tania Blixens Out of Africa. Natürlich war im Bus nicht ans Lesen zu denken, aber gerade in diesen Tagen hatte ich jene Passage des Flugzeugabsturzes von Denys Finch Hatton über Voi gelesen, an die ich jetzt denken musste, als wir uns diesem Ort näherten:

Er sagte … er könne mich nicht mitnehmen; die Reise über Voi … werde recht beschwerlich werden, er werde im Busch landen und übernachten müssen …

Er reiste am Freitag, dem 8. ab …

Ich erwartete Denys am Donnerstag zurück … ich nahm an, dass er bei Sonnenaufgang in Voi starten … würde.

… bat mich Lady MacMillan zu sich … und erzählte mir, in Voi sei ein Unfall passiert und Denys habe mit seiner Maschine havariert.

Ich sagte, dann wolle ich versuchen, mit meinem Wagen bis nach Voi zu kommen …

„Sie verstehen nicht … Denys ist … tot.“

Mir gingen auch die entsprechenden Bilder des etwas kitschigen Films mit seinen wunderbaren Bildern durch den Kopf, als wir kurz vor Voi einen Sendemast mit roter Lampe auf der Spitze passierten. War das ein Orientierungslicht für Flieger?

In Voi wurde noch einmal eine Pause eingelegt. Müde waren wir, durchgerüttelt und durchgeschüttelt. Lange war jeder Gedanke an ein Bad im Meer verflogen und dem einzigen Wunsch gewichen, bloß endlich anzukommen.

Auf den letzten Kilometern bis Mombasa dämmerten fast alle Passagiere aneinander gelehnt vor sich hin, und ihre Körper bewegten sich im Schlaf oder Halbschlaf willenlos im Rhythmus der Fahrbewegungen.

Als wir endlich, endlich das spärlich beleuchtete, nächtliche Mombasa erreichten, hatte ich längst jedes Zeitgefühl verloren. Gerade wollten wir mit total steifen Gliedern aus dem Bus krabbeln, als mir der Fahrer auf die Schulter tippte. Ich konnte in der Dunkelheit eigentlich nur seine großen weißen Zähne erkennen, weil er offensichtlich über sein ganzes Gesicht strahlte, denn er sagte:

Look“, und dabei zeigte er auf die kleine Uhr über ihm, die ich, weil halb von einem kleinen Vorhang verdeckt, bisher gar nicht bemerkt hatte: „Exactly on time“, und nach einer erwartungsvollen Pause fügte er triumphierend hinzu: „International time!“ Er lachte schallend und schlug sich vor Vergnügen auf die Schenkel, scheinbar kein bisschen müde von der langen Fahrt, und tatsächlich – ich traute meinen Augen kaum – standen die Zeiger der Uhr auf zwei Uhr, ganz exakt sogar auf zwei Uhr! Ein kleiner freundschaftlicher Klaps auf meine Schulter löste mein starres Erstaunen, bevor ich kopfschüttelnd seinen Bus verließ.

Nach zähen Preisverhandlungen stiegen wir in ein Taxi, das uns in vielleicht zwanzig Minuten zum lang ersehnten Hotel am Meer brachte. Völlig übermüdet betraten wir die Lounge, und ich wunderte mich, dass das Personal bereits mit Frühstücksvorbereitungen beschäftigt war. Ich schaute auf meine Uhr: drei Uhr fünfunddreißig!

Wie konnte das angehen? Eben noch war es doch erst zwei Uhr gewesen? Und erst langsam kam mir der Verdacht, dass die Zeiger der Uhr im Bus vielleicht dauerhaft, wohlmöglich schon seit Jahren …

Nirgends auf der Welt lachen die Menschen mit einer so vollkommenen, unbefangenen, ja, im besten Sinn des Wortes kindlichen Natürlichkeit wie in Afrika. Und ich war mir ganz sicher, dass sich die Kollegen unseres Busfahrers genau in diesem Moment, als ich verdattert im Hotelfoyer auf meine Uhr schaute, vor Vergnügen geradezu krümmten, wie ihnen die Tränen vor Lachen über die Wangen liefen, nachdem er ihnen von meinem mit Sicherheit reichlich dummen Gesichtsausdruck vorhin erzählt hatte. Etwas zu spät hatte ich begriffen, wie hier in Afrika die Uhren ticken.