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Fußballbegeisterung

 © Joachim Frank

Auf Reisen in ferne Länder, andere Kontinente und Kulturkreise, in Schwellen- oder gar Entwicklungsländer, wo bis auf eine kleine Oberschicht jeder hart kämpfen muss, um für sich und seine Familien einen bescheidenen Lebensunterhalt zu sichern, fühle ich mich immer beklommen, weil es mir, weil es uns in Deutschland so unvergleichlich viel besser geht als den allermeisten Menschen auf der Welt. Aber wegen meiner Neugier bin ich trotzdem immer wieder in die Ferne gereist, wo es neben der materiellen Armut oft auch einen besonderen Reichtum gibt. Nämlich den an Menschlichkeit.

Allerdings ist es nicht leicht, mit den Leuten dort ins Gespräch zu kommen. Das liegt auch an mangelnden Sprachkenntnissen, vor allem aber an unterschiedlichen Erwartungen: Ich möchte gern etwas über Land und Leute erfahren, der Einheimische sieht mich in aller Regel als potentiellen Kunden, der ihm helfen kann, für diesen Tag sein Existenzminimum zu sichern.

Aber es gibt noch eine weitere gravierende Schwierigkeit, denn: Worüber sollen wir miteinander reden? Viele Themen, die in Deutschland, in Europa für ein lockeres Geplauder taugen, verbieten sich in armen Ländern von selbst. Mit einer Souvenirverkäuferin in Birma, einem Busfahrer in Peru oder einem Kameltreiber in Marokko kann man nicht über Frauenquoten in Führungspositionen, Tarifverhandlungen oder das Burn-out-Syndrom diskutieren, geschweige denn über neue Automodelle, Frühpensionierungen oder Hartz IV, nicht mal über Grippeimpfungen, Sonderangebote oder die unterschiedliche Qualität von Biermarken. Geradezu zynisch wäre es, über Diäten, den „Geiz-ist-geil-Trend“ oder Mobbing zu schwadronieren. In sehr vielen Ländern ist es außerdem undenkbar, über das Staatsoberhaupt, Demokratie oder Menschenrechte zu sprechen, ohne den Gesprächspartner in Verlegenheit oder sogar in Gefahr zu bringen. Selbst das Wetter scheidet als Thema aus, denn in den meisten Ländern Südostasiens, Afrikas oder Lateinamerikas ist es immer heiß und schwül, mal mit Regen, mal ohne. Da ist das Wetter kein Thema für Gespräche, es sei denn, dass eine Dürre die Ernte vernichtet, Stürme ganze Landstriche verwüsten oder ein Tsunami zu einer Katastrophe führt. Über das Wetter schwadroniert man nicht, es ist zu wichtig.

Auch wenn es eine Illusion bleibt, den Einheimischen wie einer unter Gleichen begegnen zu können, möchte ich als Tourist dennoch hin und wieder Gespräche führen, die nichts mit Kaufen und Verkaufen zu tun haben. Ich möchte den Leuten vermitteln, dass ich sie wertschätze, ganz ohne Eigennutz, nicht mal, um ein Foto von ihnen zu machen.

Schon wegen der mangelnden Sprachbarrieren entwickelt sich praktisch nie ein wirkliches, das heißt ein ernsthaftes Gespräch über wichtige Themen, sondern im besten Fall kommt es zu einem bescheidenen und oberflächlichen Austauschen von gut gemeinten Nettigkeiten. Meist haben die Einheimischen ein paar Brocken und Floskeln in der Landessprache ihrer Kunden aufgeschnappt, und ich selbst spreche ein wenig Englisch und Spanisch. Immerhin kann so eine ganz kleine Brücke geschlagen werden, ein Lächeln wird erwidert, und für den Moment ergibt sich eine Übereinstimmung, eine Gemeinsamkeit, ein Wir-Gefühl, wenn auch die Unterschiede beider Gesprächspartner kaum größer sein könnten, weil schon mein Flugticket weit mehr gekostet hat, als mein Gegenüber in einem ganzen Jahr verdient.

Viele Möglichkeiten gibt es nicht, um zum Beispiel mit einem Kellner, Taxifahrer oder Schuhputzer ins Plaudern zu kommen. Fußball ist eine davon. Über Fußball kann man fast immer und überall auf der Welt reden. Jedenfalls mit Männern, jedenfalls mit vielen von ihnen. Dagegen hat der Reisende in Ländern der so genannten Dritten Welt fast nie Gelegenheit zu einem Small Talk mit Mädchen oder Frauen. 

Über Fußball zu fachsimpeln kann bedeuten, dass alle Unterschiede zwischen uns für ein paar kurze Minuten wie weggewischt erscheinen. Wenn wir beide zu erkennen geben, Fan vom selben Verein oder Bewunderer eines bestimmten Spielers zu sein, verbindet uns für Sekunden etwas Unbegreifliches, geradezu Unglaubliches, nämlich die Illusion einer tatsächlichen Gemeinsamkeit.

Sicherlich ist die Fußballbegeisterung auch von Land zu Land unterschiedlich ausgeprägt. In den Ländern Lateinamerikas und Afrikas ist sie größer als in denen Asiens und außerdem differenziert je nach der jeweiligen nationalen Bedeutung und internationalen Stärke des einheimischen Fußballs. Zum Beispiel kann einem in Mexiko beinahe jeder jugendliche Schuhputzer – meist sind es noch Kinder – eine ganze Reihe aktueller und manchmal sogar berühmte deutsche Nationalspieler früherer Tage aufzählen. Damit demonstriert er einerseits sein Wissen, andererseits erweist er dem Gast sozusagen die Ehre, dessen vermeintliche Volkshelden zu kennen, und das ist dann auch seinem Geschäft dienlich.

So erlebte ich zum Beispiel Anfang der 1980er Jahre Folgendes in einer ganz kleinen Garküche in einem Randbezirk von Bangkok: Der bedienende, vielleicht zwölfjährige Junge stellte die stereotype Frage: „Where do you come from?“, und auf meine Antwort darauf: „From Hamburg“, sagte er wie aus der Pistole geschossen und mit sichtbarem Stolz: „Uli Stein, Felix Magath!“ Dazu muss man wissen, dass der HSV damals ein europäischer Spitzenverein und die genannten Spieler Fußballgrößen waren.

Als wir uns wenige Jahre später in Puerto Barrios, einer verschlafenen karibischen Hafenstadt, befanden, um von hier mit der Fähre nach Livingston überzusetzen, musste ich unbedingt noch Geld wechseln, denn nach verschiedenen Auskünften sollte das in Livingston fast unmöglich sein. Ich hetzte also los, denn die Zeit bis zur Abfahrt des Schiffes war knapp. Schon bald fand ich die „Bank of Guatemala“, die aber ebenso wie die „Lloyd´s“ gleich nebenan kein Geld tauschte. Noch nervöser rannte ich weiter zur „Banco del Café“, die das zwar machte, aber nicht freitags, also eben nicht heute!

Endlich, in der „Banco de las Trabajadores“, stimmten alle Voraussetzungen. Aber ich musste mich in eine schier endlose Schlange einreihen und überlegte, immer nervöser werdend, ob wir nicht doch den Versuch machen sollten oder vielmehr machen mussten, in Livingston die Traveller-Checks in Quezales zu wechseln.

Die Zeit drängte, aber die Schlange bewegte sich nur äußerst schleppend. Die Männer vor mir warteten mit stoischer Ruhe, denn sie wussten aus Erfahrung, dass nichts auf der Welt das Arbeitstempo der Bankangestellten beschleunigen konnte. Nirgends scheinen die langsamer zu arbeiten als in Lateinamerika! Bald war abzusehen, dass ich niemals rechtzeitig an die Reihe kommen würde, um das Schiff noch zu erreichen. Völlig überflüssigerweise, als könnte ich dadurch das Arbeitstempo der Angestellten doch beschleunigen, hielt ich meinen Pass in den Händen, lange bevor ich endlich an der Reihe sein würde. Aber den musste der Mann hinter mir bemerkt und identifiziert haben, jedenfalls schlug er mir plötzlich auf die Schulter und rief laut vernehmlich und geradezu entzückt aus: „Eh, alemán! Segundo lugar en el mundial!“, also: „Ah, ein Deutscher! Zweiter Platz bei der Weltmeisterschaft!“

Während ich mich noch verdutzt umblickte und im ersten Moment gar nicht begriff, was er eigentlich meinte, ertönten vor mir auch schon ähnliche Ausrufe der Anerkennung. Man lachte mir zu, machte Platz, drängte mich unter beständigem Schulterklopfen ganz nach vorn an den Schalter, damit ich bevorzugt und sofort bedient werden konnte, ohne dass ich auf meine Zeitnot hingewiesen hätte. Erst allmählich dämmerte mir die Ursache für mein unverhofftes Glück: Es war das Jahr 1986, und die dreizehnte Fußball-Weltmeisterschaft war gerade zu Ende gegangen. Die deutsche Mannschaft hatte zwar nicht gerade toll gespielt, aber doch sehr ehrenvoll, nämlich als Vizeweltmeister, abgeschnitten.

Einigermaßen verlegen, aber sehr dankbar und gern hatte ich die Großzügigkeit der Männer angenommen, um die ich ja nicht das geringste Verdienst hatte. Selbst der Schalterbeamte zeigte ein breites, anerkennendes Lächeln und betrachtete meinen Pass gerade so, als wäre er ein Dokument zur Bestätigung fußballerischen Erfolges. Die enthaltenen Daten kümmerten ihn überhaupt nicht, und auch an einem Vergleich der Unterschriften war ihm nicht gelegen, nachdem ich den gewechselten Betrag quittiert hatte. Nach seiner prompten Bedienung blieb mir nichts anderes übrig, als ihm und allen anderen herzlich zu danken und ihnen im Gegenzug zu wünschen, dass auch ihre, also die Nationalmannschaft Guatemalas, eines Tages einmal groß rauskommen möge. Aber da winkten sie nur ab, schüttelten völlig resigniert die Köpfe. Genauso gut hätte ich versuchen können, ihnen Hoffnung auf bevorstehenden Reichtum zu machen.

Die folgende Episode trug sich auf derselben Reise durch Guatemala zu, allerdings in Tikal, jener weitgehend ausgegrabenen antiken Stadt der Mayas mitten im Urwald beziehungsweise in Flores. Diese Stadt liegt circa 70 Kilometer von Tikal entfernt und dient allen, die sich das Übernachten direkt bei den Ausgrabungen nicht leisten wollen oder können, als Ausgangspunkt für die Besichtigungen. Mit dem Flugzeug waren wir dorthin gelangt, aber mit dem Bus wollten wir zurück nach Puerto Barrios fahren. Zunächst brachte uns ein kleines Schiff nach Santa Elena, von wo die Busse ihre je nach Jahres- und also Regenzeit vierzehn- bis achtundzwanzigstündige Tour nach Puerto Barrios beginnen. Wir betraten das gar nicht so kleine, recht schäbige Büro der zuständigen Busgesellschaft. Ich hatte mich schon auf das obligatorische Palaver um freie, reservierte undwasweißichnichtnoch wie vorgemerkte Plätze eingestellt und war deshalb um so überraschter, nun auf eine wohl geordnete Organisation zu treffen. Der Verkauf der Billetts erfolgte schon beinahe beängstigend normal und ohne jede Aufgeregtheit. Dann wurden wir zu einem für hiesige Verhältnisse ungewöhnlich großen und kräftigen Mann von europäischem Aussehen weitergeleitet. Nachdem der uns bei der scheinbar obligatorischen Passkontrolle mit freundlichem Lächeln als Deutsche identifiziert hatte, trug er unsere Namen fein säuberlich in eine Liste mit nummerierten Plätzen ein.

Wir waren früh dran und konnten so beobachten, wie sich allmählich eine immer größer werdende Menschentraube vor dem hübsch bunten, dafür aber technisch eher in einem fragwürdigen Zustand befindlichen Bus bildete. Als die ursprüngliche Abfahrtszeit gerade überschritten war, kam auch schon der oben beschriebene Kartenverkäufer, stellte sich breit in die Tür des Busses, um für ein geordnetes Einsteigen zu sorgen. Dazu rief er nacheinander die Namen der Reisenden auf, die dann einzeln, zu zweit oder in der ganzen Familie einsteigen durften. Als wir an die Reihe kamen, zögerte er einen Moment, bevor er langsam, laut, lang gedehnt und mit breitem Grinsen sagte: „Señor … Beckenbauer!”